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Zurückbleiben bitte!
In: MUSCHELHAUFEN 47/48, Januar 2007
Preis: 11,50 €
Erhältlich über: www.muschelhaufen.de
 
Leseprobe:
 
Heute? Lieber nicht. Warum auch grad heute. Ist eh ein ungünstiger Tag, denke ich. Was soll ich heute schon dazu sagen. Nichts. Also lieber nicht. Lisa hat mir das Frühstück gemacht. Wie jeden Tag, wie all die Jahre. Drei Klappstullen, Blutwurst, Leberwurst, Mettwurst, rein in die Tupperbüchse. Die Thermoskanne mit Kaffee, vier Löffel, gehäuft, einen Schuss Milch. Keinen Zucker. Sieben Uhr. Abmarsch, sagt sie, deine Bahn wartet nicht. Ist gut, sag ich, bis dann.Zurückbleiben bitte, sagt die Stimme, ich habe meinen Stammplatz, S26, Fenstersitz rechts in Fahrtrichtung, offenes Fenster, was für eine Hitze. Die Leute müssten doch trinken wie die Bekloppten, eine Flasche nach der anderen, eine saubere Flasche nach der anderen, von mir kontrolliert, keine Pulle ist je in einen Kasten gekommen, die nicht sauber gewesen wäre. Meine Fresse, wie viele Flaschen waren das. Und nun? Bei dieser Hitze! Dabei haben wir selber nur Brause und Wasser aus den Flaschen getrunken, die ich kontrolliert hatte, nicht mal geklaut, nicht vom Band genommen, gekauft, dreizehn Jahre lang, jeden Tag zwei Flaschen, im Sommer mal drei, im Winter weniger, vierzehn Flaschen die Woche, sechzig im Monat, siebenhundertdreißig übers Jahr, neuntausendvierhundertneunzig zusammen. Vierzig Cent das Stück. Dreitausendsiebenhundertsechsundneunzig Euro versoffen und wieder ausgepisst. Und was ist der Dank? Scheiße. Nächster Halt Lichterfelde Süd. Das Zischgeräusch der öffnenden Tür ...
 
 
 
 
Sisi auf Madeira
oder: Note Vier Komma Sieben
In: DIE GAZETTE 4/05
Erhältlich im Zeitschriftenhandel und über www.gazette.de
 
Leseprobe:
 
Selbst die Bordwand bebte unter dem Ansturm der Wellen, salzige Sturzseen schlugen wie tollwütiger Schaum aus den Rachen halbtoter Tiere über das Deck der Osborne, die Maschinen liefen, um den schlingernden Kasten halbwegs auf Kurs zu halten, mit Viertelfahrt; längst war, was nicht festgezurrt, vom Orkan in die kreischende Gischt geschleudert, die Mahagoniliegestühle, das runde Tischchen aus Bongossigehölz, eine einsame Porzellantasse; niemanden trieb es, da Salzwasser und Regenfluten wie messerscharfe Kristalle durch die Finsternis trieben, an Bord, unter Deck quälten sich die Hofdamen Gräfin Karoline Hunyady, Fürstin Helene Taxis und ein Hofkavalier, der ehemalige Flügeladjutant Husarenoberleutnant Graf Paul Hunyady leidlich über die schaukelnde Zeit; nur eine einzige, einsame Gestalt hing über die Reling, kreidebleich, festgeklammert an einem weißen Metallpfosten, Eure Majestät, sturmzerzaust, brüllend, die schwarzen Degenfische mit ihrem Mageninhalt fütternd, sich selbst im Sturm besudelnd, Eure Majestät die Kaiserin kotzte.
 
Ich sehe das gut tausend Tonnen schwere Holzschiff vor mir, den von der englischen Queen Victoria geborgten Schaufelraddampfer mit seinen zwei bleichen Schornsteinen, aus denen fett der schwarze Rauch quillt und sich sofort im Toben der Elemente verliert, die leichenfahle Figur an der Brüstung, Sisi, die Kaiserin Elisabeth, die meint, die Fahrt führe geradewegs in die Hölle, und doch ist es nur Madeira, die ewige Blumeninsel, und herrschten nicht stockfinstere Nacht und tiefschwarzes Gewölk, der Pico Ruivo wäre schon zu erkennen in weiter Ferne, oder ist es doch erst der Pico de Pacho auf Christopher Kolumbus' Porto Santo, wo gerade noch Pest und Cholera wüteten?
 
In dieser Nacht tobt das Meer nicht minder. Am Tag schon trieb der straffe Wind Mac-Donalds-Werbung durch die Avenida do Mar. Einzelne Immobilienseiten der Correio da Manhã wehen quer durch die leeren Stuhlreihen der Touristenkneipen, vorbei an einer alten Frau, die in ihrem dünnen, grünen Kleid mit grell-gelben Sonnenblumen nicht zu frieren scheint, Papierfetzen und Staub aus der Gosse treiben weit die Berge hinauf, durch die Rua da Rochinha, bis in die Kronen der Papayabäume und Dattelpalmen im botanischen Garten. Hier, im Gardim Botânico, wo Ernst Marischka einst mit den Kindern schimpfte, haltet endlich die Klappe, wenn die Klappe fällt, die siebente, immer die gleiche Szene, der Wind damals weit weniger stark, eher als laues Lüftchen durch die mühsam drapierten Haare der Rosemarie Magdalena Albach, die jeder als Romy Schneider kennt, seid still, oder besser noch, verschwindet, aber die Bälger lassen sich nicht vertreiben, zehn-, zwölfjährige pubertierende Bauerntölpel, Ruhe endlich, Sisi, die junge Kaiserin, Szene 98, Klappe, die achte, und doch wieder Gekicher hinter der steil abfallenden Gartenmauer, welch Aufwand, und dann, Jahrzehnte später, sagt Luigi, trotz der Mühsal und endlosen Klappen, doch nur die Umfrage-Note Vier Komma Sieben auf einer Skala von eins bis zehn. Und keinerlei Auszeichnungen. Luigi, der sich 1956 als Kabelhalter für Tonmeister Herbert Janeczka ein paar lächerliche Münzen hinzu verdiente. Luigi, der auf Weisung von Regieassistent Zehetgruber allzu neugierige Schaulustige vertrieb, zurück hinter die Absperrung, alle, die wenigen Touristen wie die vorwitzigen Einheimischen, die frechen Knirpse wie die grauen Greise, die sich einen Teufel um das Gelaber des jungen Luigi scheren, pack dich, halt dein Kabel und sonst dein Maul, und zwischen allen jene alte Frau, die ich seither immer wieder hier gesehen habe, sagt Luigi, sie wird und wird nicht älter, schau mich an, ich bin grau, und da, wo ich nicht grau bin, bin ich kahl, aber die Dame müsste jetzt weit über hundert sein, unmöglich, vielleicht irre ich mich, aber vielleicht hat sie auch nur dieses eine Kleid, grün, mit gelben Sonnenblumen, fast fällt sie nicht auf, hier oben im Gardim Botânico. Grün, sage ich, und dicke Sonnenblumen? Und ich weiß, die Frau sah ich erst gestern, ich erinnere es kaum wegen ihres Kleides, das der alles verwirbelnde Sturm fest an ihren Körper presste, es ihr fast von den ausladenden Hüften riss, was ihrem wabernden Hintern festere Konturen verlieh, es war ihr Blick, es waren ihre Augen, die ich glaubte zu erkennen ...
 
 
 
Die Zauberer von den Westmänner-Inseln
In: ISLAND - Zeitschrift der Deutsch-Isländischen Gesellschaft Köln, 11. Jahrgang, Heft 1, Mai 2005
Erhältlich über: Geschäftsstelle der Deutsch-Isländischen Gesellschaft
(C. Roemke & Cie.), Apostelnstraße 7, 50667 Köln
104 Seiten, Preis: 11,00 €
 
Leseprobe:
 
  Vor langer Zeit, als Zauberer, Elfen und andere Geisterwesen auf Island noch alltäglich waren, erreichte die Pest auch jene Eisinsel im hohen Norden. Und obwohl sich die Krankheit in der Gletscherkälte und im Schwefeldampf der heißen Quellen und Geysire anfangs nur langsam ausbreitete, fielen ihr doch mehr und mehr Menschen zum Opfer, und selbst vor Zauberern, Elfen und anderen Geisterwesen machte sie nicht Halt.
 
  Da kamen in ihrer Not die achtzehn Zauberer, die noch am Leben waren, zusammen, um gemeinsam nach einem Ausweg zu suchen. Sie stritten manche Tage, wie man dem Tod durch die Pest entfliehen sollte; einer schlug vor, er könnte die anderen siebzehn Zauberer in riesige Steine verwandeln, bis die Gefahr vorüber sei. Aber es war nicht nur die Angst vor dem Tod, die die Zauberer hatte zusammenkommen lassen, in ihrer Brust regte sich auch das Mißtrauen gegeneinander, einer könnte das Elend ausnutzen zum Errichten seiner alleinigen Zaubermacht über die Insel und die anderen für immer und ewig als verwandelte Steine in den schier endlosen Lavawüsten liegenlassen. Und was, wenn dieser eine der Pest nicht entkäme? Dann gäbe es für die zu Stein verwandelten Zauberer erst recht keine Rettung.
 
  Schließlich einigten sie sich, auf die Westmänner-Inseln vor der isländischen Küste zu fliehen und dort das Ende der verheerenden Seuche abzuwarten. Jahre verstrichen.
  Als die achtzehn Zauberer durch ihre magischen Augen sahen, daß die Seuche vorüber war, wollten sie wissen, ob es Menschen gelungen sei, die Pest zu überleben. Einer sollte die Lage erkunden, und da die alten Magier noch immer vor Todesangst schlotterten, schickten sie den jüngsten und schönsten, den Zauberlehrling.
 
  Durchstreife das Land, rieten sie ihm, nach allen Richtungen. Und sei noch vor Weihnachten wieder zurück. Wenn nicht, soll es dir schlecht ergehen. Dann schicken wir dir den Geist, der den Tod bringt. Und der jüngste der Magier versprach, alles zu tun, wie ihm geheißen.
  Die Zauberer hexten ihm auf der Stelle ein hölzernes Boot, und wie durch Geisterhand gelenkt trieb es an die Küste. Dort entstieg er und begann seine Wanderung durch Island.
  Aber wohin er auch kam, überall standen die Hütten der Menschen leer; die Türen knarrten in den rostigen Scharnieren, der Schneesturm wirbelte dicke Flocken durch jene Löcher in den Wänden, die früher Fenster gewesen waren. In der Luft lag der Gestank von verwesten Leichen, und so manches Gerippe war schon mit erstem Moos überzogen. Schließlich erreichte der Zauberlehrling ein kleines Haus, das fest verschlossen war ...
 
 
 
 
L. oder anderswo
Eine Prosareportage.
In: DIE GAZETTE 4/04
Erhältlich im Zeitschriftenhandel und über www.gazette.de
 
Leseprobe:
 
  Das Bild ist immer verschwommen, hinter einem Dunstschleier, oder doch einem Lichternebel; Tumult in den Abgeordnetenbänken, um mich aufgeregte Männer, ohne Gesicht, auch Krabats Geist schwebt herbei, die Männer stehend, Entsetzen in stieren Augen, Papierschnipsel segeln durch die schweißgetränkte Luft, überhaupt die Luft, schrecklich, jemand hat die Klimaanlage abgedreht, Rettung Rettung schreiend, die Idee, keinen Strom mehr verbrauchen, wunderbar ruft jemand neben mir, inmitten der abgeordneten Ausdünstungen ich, das Auge im Taifun, zerknitterte Papiere in geballten Fäusten, alle brüllen durcheinander, niemand, niemand hört, sie spucken, sabbern, keifen, drohend jetzt erheben sich die Fäuste, Beschluss ist Beschluss krächzt eine sehr laute Stimme, von der tobenden Menge völlig unbeteiligt lustwandelt ein Bauarbeiter, ein Baggerführer, mit Helm, murmelt leise vor sich hin, leise, und dennoch ist es überall zu hören, die dickste Kohle liegt unter dem Reichstag, Abriss, noch heute, weg, weg, aber wie verdammt geht es weiter, ist das nicht seltsam, der Traum hat kein Ende, und dennoch wache ich auf, immer an dieser gleichen Stelle, verrückt, sagt Jacob.
 
  Jacob wohnt in L., was Lakoma heißen könnte, aber es könnte auch H. sein, wie Horno, oder G., wie Gräbendorf, oder K., wie Karlsfeld, unsinnig, das ganze Alphabet aufzuzählen, L. ist überall.
  Nach L. kommt man, wie man in jedes Dorf kommt; immer liegt es zwischen zwei Städten, L. liegt näher an der einen als an der anderen, die Straße ist neu, vierspurig, hier und da knorrige Straßenbäume, Reste einer früheren Allee, grünsumpfige Entengrütze in einem Wassergraben, von ihm wird noch zu reden sein, wenige Häuser, die bessere Tage sahen, der Putz bröckelt, die Dachziegel decken sich mit fauligem Moos, schwarze Schlünde gähnen neben schiefen Schornsteinen, die Fenster blind, verfallene Scheunen strecken einsam modernde Holzgerippe aus dem Sumpf. L. ist ein Geisterdorf. L. ist kein Geisterdorf. L. ist von Menschen gemacht. L. ist ein Menschendorf.  Graue, umgewühlte Erde, Land in Falten, totes Land, der heiße Wind spielt mit Staubfontänen, in der Ferne, über einem ockerbraunen Streifen trockener Bäume drei Schornsteine, weit in den Gewitterhimmel, seltsam bizarre schwarze Wolken, als wolle es den Himmel berühren, das Kraftwerk ...
 
 
 
 
Ina von Grumbkow
- eine vergessenen Brandenburgerin und Islandreisende
Feature, Erstsendung: Antenne Brandenburg (ORB), 13. August 1995
Erschienen in: Frauen in Brandenburg. Das Buch zur Sendung, ORB 2000,
vergriffen, antiquarisch erhältlich über: Bestellungen/Kontakt
202 Seiten, Preis: 12,00 €
 
Leseprobe:
 
Es ist das Jahr 1907. Ina von Grumbkow ist 35 Jahre alt, von strengem Äußeren. Ihr spitz zulaufendes Kinn und die hervorstehenden Gesichtsknochen gelten keineswegs als schön, und nun endlich hat sie einen Mann gefunden, mit dem sie sich verlobt. Walther von Knebel, der Berliner Geologe, will sie heiraten. Aber erst später, wenn er zurück ist, aus Island. Beide zusammen bereiten seine nicht ungefährliche Reise in das zentrale isländische Hochland vor: Den selten zuvor auch nur erreichten Riesenkrater der Askja. Den will er erforschen. Sie schreibt an ihre Mutter in Hamburg.
"Liebe Mutter, am liebsten würde ich ihn begleiten. Aber es geht nicht, die Reise ist zu strapaziös. Noch nie hat er eine Frau bis dahin geschafft, und ich würde ihn wohl auch nur beim Forschen stören."
 
So fährt er mit seinem Freund, dem Maler Max Rudloff, und einem jungen Studenten nach Island. Walther von Knebel verabschiedet sich Ende Mai 1907 von seiner Verlobten. Vor dem Forscher liegt eine mehrwöchige, beschwerliche Reise über Kopenhagen zur Westküste der Insel zwischen Feuer und Eis, wie Island oft genannt wird. Dann folgt ein weiter Weg durch Lavawüsten, über Gletscher, entlang kochender, blubbernder Schlammlöcher und quer durch ausgebrannte Vulkane.
Aus der letzten bewohnten und bewohnbaren Gegend schreibt er eine Ansichtskarte an seine Verlobte. "Gut angekommen, Gruß, Walther." Wenige Tage später bringt der Postbote ein Telegramm, abgeschickt vom dritten Teilnehmer der Expedition, dem Studenten Hans Spethmann. "Knebel und Rudloff ertrunken. Ich gerettet." ...
 
 
 
 
Meine Geschichte - Vera Friedländer
Feature, Erstsendung: Deutschlandsender-Kultur, 14. Juli 1993.
Erschienen in: DAS LEBEN HAT VIELE ECKEN UND KANTEN - ausgewählte Manuskripte, Heft 1, 1993, vergriffen.
 
 
Leseprobe:
 
Ja, es gab eine große jüdische Familie in Berlin, die meine Familie war. Das war die Familie meiner Mutter. Die meines Vaters spielte für mich keine Rolle, weil das Leute waren, die mit den Faschisten gingen, die sowohl meine Mutter als auch mich verachteten als etwas Unwertes, und ich habe weder an den Großvater, noch an die Großmutter eine gute Erinnerung. Das ist für mich nichts gewesen, was mir irgend etwas bedeutet hat. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, daß mein Großvater väterlicherseits jemals ein Wort mit mir gesprochen hat. Ich habe später lange überlegt, aber ich kann mich an nichts erinnern, obwohl er bis in die vierziger Jahre gelebt hat. Wir waren eine große jüdische Familie. Vierundzwanzig sind deportiert worden. Davon haben drei überlebt. Mein Vater, meine Mutter, ich ...