Die Seele folgt dem fliehenden Tag

Ausgewählte romantische Lyrik aus Island

Herausgegeben und mit einem Essay von Frank Schroeder

126 Seiten, engl. Broschur

ISBN 3-980 164 8-6-1

Preis: € (D) 13,30 


 


 


 

Kurzinhalt:

Fast 100 Jahre lang waren diese isländischen romantischen Gedichte in Deutschland nicht mehr zugänglich. Einst erschienen sie verstreut in Anthologien oder in Sammlungen, die einzelnen Dichtern gewidmet waren. Diese Lyrik beschreibt nicht nur die grandiose Landschaft Islands, sondern hauptsächlich das Wiedererwachen des isländischen Nationalgefühls nach jahrhundertlanger dänischer Abhängigkeit.

 

Frank Schroeder schrieb für die Publikation den Essay "Über Lavawüsten, Seinmassen, hochgetürmt - Poesie einer Landschaft", erinnernd an das Gedicht "Snæfellsjökull" von Steingrímur Thorsteinson. Außerdem berücksichtigt die Auswahl Lyrik von: Hannes Hafstein, Islands erstem Ministerpräsidenten, vom Landstreicher Hjálmar Jónsson, von Páll Ólafsson, Matthías Jochumsson, Páll Jonsson, Jónas Hallgrímsson, Jón Thóroddsen u.v.a. - Kurzporträts der Dichter vervollständigen den Band.

 

Leseprobe aus dem Essay "Über Lavawüsten, Seinmassen, hochgetürmt- Poesie einer Landschaft":

  Die Schneeflocken dieses Tages waren von außerordentlicher Größe; als ich Reykjavík verließ, hatte es lediglich genieselt, ein kalter Augustwind hatte feinste salzige Tröpfchen über die Skúlagata gesprüht, hinter dem Wolkenschleier war eine blasse Sonne noch ahnbar gewesen, nun, kurz vor Stapi, auf der Halbinsel Snæfellsnes, legte der isländische Sommer endgültig eine Pause ein, Snær, der sagenhafte Winterkönig aus dem Geschlecht der Reifriesen, die Personifikation des Schnees, übernahm das Zepter. Er war imBunde mit Bárður. 

  Bárður, der auf lichter Gletscherhöhe haust. / Er bläst in den Bart, daß dichter / Schneewirbel den Gau durchbraust. / Stöbert's recht, dann freut es ihn, / und er trabt im tiefen Schnee / frohgemut dahin dichtete dereinst Steingrímur Thorsteinsson, der in Stapi geboren wurde und wie kaum ein anderer die Gegend um Snæfellsnes zum Thema seiner Dichtung machte. Hier, auf der zugeschneiten, kaum noch erahnbaren Piste am letzten Ende der europäischen Welt, stehend in den Lavawüsten, an den Steinmassen, hochgetürmt, und steilen Felsenküsten, wo der Eiswind stürmt, erfuhr ich zum ersten Mal: In kaum einem anderen Land ist Poesie so sehr die Poesie einer Landschaft. 

  Bárður, der Schutzgeist und Bergdämon der Halbinsel, vergleichbar dem Rübezahl aus dem Riesengebirge, steht als steinerne Figur an der Meeresküste von Snæfellsnes, dort, wo die Atlantikwogen schwer gegen das schwarze Steilufer branden, wo sie Torbögen, Grotten, Höhlen und Säulen in das vulkanische Gestein modellierten, einer Basilika gleich, einer Basilika mit durchlöchertem Dach, so dass bei Sturmflut durch die klaffenden Durchbrüche in der dünnen Basaltdecke der tobende Ozean emporschießt, an heiße Springquellen erinnernd; keine Absperrung schützt vor den vierzig Meter tiefen Fallöchern in der Grasnarbe, Schnee und Gischt stöbern bis zur Blindheit, ein Blick in die tosende, schäumende Tiefe macht Schaudern. Da unten wohnt der Tod. 

  Höhlen auch oberhalb der Küste, am Fuße des Snæfellsjökull, des Schneeberggletschers; die bekannteste unter ihnen Sönghellir, seit Jahrhunderten als unheimlicher Ort bekannt. Eggert Olafsson, 1752 als Student der Naturwissenschaften von Dänemark aus nach Island geschickt, sollte natürliche Ressourcen, Kultur und Bräuche der Bevölkerung erforschen. Er stieg nicht nur als erster auf das Tor zur Hölle, auf den 1500 Meter hohen Spaltenvulkan Hekla, er stieg auch in die Lavahöhle am Fuße des Snæfelljökull, in die Sönghellir, ungeachtet der Gefahr: Hier hausen Unholde, mannigfach. Die früheste Jahreszahl, die Eggert Ólafsson in die Höhlenwände eingeritzt fand, datiert auf das Jahr 1483, doch erwähnt er auch Runen und Hexenbuchstaben. Wenn man nur ausspeie, brumme es in der Höhle in einem tiefen, traurigen Ton. Fünfzehn Jahrespäter ertrank er in Sichtweite der Sönghellir und der schwarzen Klippen, nichts half ihm sein Mut. Noch höher das Segel, ruft der Held; / doch flinkerwar der Tod. / Der Bulk fiel zusammen, die Sturzsee schlug / hin über das ganzeBoot. Snær zürnte, Bárður war mit ihm, Meeresgöttin Rán und Meeresriese Ägir stimmten in das Toben ein ...

 

Pressestimmen:

"Ein ansprechend gestaltetes Bändchen. Freuen wir uns, dass ein Teil der längst vergriffenen Islandgedichte in dieser Form wieder zugänglich gemacht worden ist." (...)